SY Seewolf

Mein Segel-Blog

Schwerwettertörn Nordsee

Es ist Mitte März und es riecht nach Frühling. In den heimischen Vorgärten spriessen die Narzissen; und auf der Nordsee toben sich die Frühjahrsstürme aus. Perfekte Bedingungen also für den geplanten Schwerwettertörn. Acht unerschrockene Segler/Innen packen ihre Segeltaschen voll mit warmer Kleidung und fahren an die belgische Nordseeküste. In Nieuwpoort wartet „Oceanlord“, die gecharterte Sun Odyssey 509. Mit ihr soll es eine Woche lang auf die Nordsee gehen. Das Ziel ist offen: Frankreich? England? Oder gleich hoch bis Edinburgh? Wir studieren die Gezeitentafeln, den Strömungsatlas, die GRIB-Daten und die Wettervorhersagen. Schauen, wann und bei welcher Tide wir welchen Hafen anlaufen können. Wann wir mit, und wann wir gegen den Gezeitenstrom segeln müssen. Woher der Wind weht und wie hoch die Wellen sein werden. Denn eines ist klar: Wind gegen Welle ist suboptimal. Das müssen wir nicht haben. Auch nicht beim Schwerwettertörn. Und bei 7 Bft. Wind nachts das Verkehrstrennungsgebiet queren, muss auch nicht unbedingt sein. Edinburgh adé. So geht es denn am Samstag zunächst einmal „nur“ nach Dünnkirchen. Mit Wind 5-6 Bft. gegenan navigieren wir durch das enge Fahrwasser zwischen den der Küste vorgelagerten Sandbänken und schaukeln uns ein. In Dünnkirchen werden die Karten neu gemischt. Ulli, unsere Wetterfee zu Hause versorgt uns täglich mit aktuellen Wettervorhersagen. Und die klingen täglich gleich: „In den nächsten 24 Stunden ist in folgenden Vorhersagegebieten mit Starkwind oder Sturm zu rechnen: …..“. Egal wo wir sind oder wo wir hin wollen, wir sind immer dabei 😂. Dann also doch England, wenn es überall gleich stark bläst. Edinburgh wir kommen…..  Die Überfahrt nach England hat es in sich. Der Wind bläst konstant mit 6-7 Bft., in Böen 8-9, und „Oceanlord“ kämpft sich mit uns durch die bis zu 4 Meter hohen Wellen. Die Rudergänger sind nach spätestens einer halben Stunde gepökelt von den permanenten Salzwasserduschen. Die belgische Flagge am Heck 🇧🇪 hält der Dauerbelastung nicht stand und verabschiedet sich in die Tiefen der Nordsee. Auch egal. Hat uns eh nur unnötig gebremst 😀. Weiter geht’s. Was war noch einmal unser Ziel? Edinburgh? Hmmmm. Neee. Bleiben wir doch erst mal in Ramsgate. Dort legen wir einen Ruhetag ein, den wir fast rund um die Uhr in der „Churchill Tavern“ verbringen, bei fish and chips and real ale 🍺. Am Dienstag geht es weiter. Die Wettervorhersage wie gehabt: “ In den nächsten 24 Stunden…….“. Wir wollen nach Dover. Aber als wir die Kreidefelsen querab haben, läuft es gerade so gut, da segeln wir einfach weiter. Nein, nicht nach Edinburgh, das wäre die andere Richtung, sondern nach Frankreich, nach Boulogne-sur-Mer. Bei 5-6 Bft., in Böen 7, im permanenten Geschwindigkeitsrausch und immer hart an der Rumpfgeschwindigkeit. Der Hafen mit den umliegenden Hochhäusern wirkt nicht sehr einladend und so sparen wir uns den Stadtrundgang. Zu spät erfahren wir, dass Boulogne-sur-Mer eine wunderschöne historische Altstadt und eine bedeutende Befestigungsanlage hat. Aber da sind wir schon wieder unterwegs und rauschen bei Südwind mit Raumschotskurs gen Nord. Jeder darf mal ans Ruder. Das interne Ausscheidungsrennen um die erzielbare Höchstgeschwindigkeit hat begonnen. Es gewinnt Dirk mit einer kurzzeitigen Höchstgeschwindigkeit von 11,6 Knoten beim Herabsurfen einer Riesenwelle. Super! Nach knapp 52 Seemeilen machen wir wieder in Dünnkirchen fest. Von Dünnkirchen nach Nieuwpoort, unserem Zielhafen, sind es nur knapp 20 Seemeilen, und wir haben noch 2 Segeltage vor uns. Da können wir noch irgendwo einen Zwischenstopp einlegen. Nein, nicht Edinburgh, das schaffen wir in den verbliebenen 2 Tagen auch mit permanenter Rumpfgeschwindigkeit nicht mehr. Stattdessen kreuzen wir bei wieder einmal stürmischem Gegenwind knapp 40 Seemeilen nach Oostende und machen dort im Royal Harbour fest. Am Freitag, unserem letzten Tag, gibt es zur Abwechslung mal Genusssegeln. 18 Seemeilen nur unter Genua, fast vor dem Wind, blauer Himmel, Sonne. Der Schwerwettertörn neigt sich dem Ende zu. Frühlingsgefühle kommen auf…..🌷

Crew Oceanlord

 

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